Ihr "Happyland" wäre ein düsterer Nachtclub
Amanda Jenssen ist das Fräuleinwunder der schwedischen Popmusik
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Ihr "Happyland" wäre ein düsterer Nachtclub
Amanda Jenssen ist das Fräuleinwunder der schwedischen Popmusik
11.05.2010 An jenem Mittwochabend steht Amanda Jenssen mit kleiner Besetzung vor ihrem Publikum. Das passt gut, denn eine richtige Band würde die Stimmung in der Berliner Kellerbar mit ihrer Wuchtigkeit erdrücken. Lärm passt nicht zu Ledersesseln, zu Schummerlicht, zu 26 Jahre altem Whiskey. Also ist nur eine Backgroundsängerin mit auf der Bühne, und natürlich Pär Wiksten, der Kreativpartner von Amanda Jenssen. Er hat sehr viele, sehr wilde Locken und trägt Reitstiefel. Vielleicht ein zarter Hinweis, ein kleiner Wink mit dem Zaunpfahl - nach dem Motto "Schaut ruhig auch mich an, ich hab' ja mitgeschrieben." Auf jeden Fall ist außer Amanda Jenssens Stimme, dieser immer etwas rauchigen, aber trotzdem so jungen Stimme, nicht sehr viel zu hören, an jenem Mittwochabend. Aber das reicht völlig. Sogar, um "Happyland", den eigentlich so ausschweifenden Titelsong ihres neuen Albums, vorzustellen.
Einige Wochen vorher, in Stockholm: Der Debaser Medis, ein Club im Stadtteil Södermalm, der bei jungen Menschen als chic gilt, weil es Klamottenläden, Plattenläden und Trödelläden gibt und man in den kleinen Cafés nicht allzu viel für seine Sandwiches bezahlen muss, ist gut gefüllt. Und die Bühne ist es ebenfalls. Neben Amanda Jenssen und Wiksten, der früher einmal bei den schwedischen Indie-Halbhelden Wannadies sang und eines Tages einfach in das Büro von Amanda Jenssens Plattenfirma marschierte und vorschlug, fortan für sie Songs zu schreiben, steht ein halbes Dutzend Musiker auf der Bühne. Und die hauen in Tasten und Saiten, blasen in ihre Instrumente und tanzen, tanzen, tanzen.
Natürlich appelliert dieser Mix aus zeitgenössischem Poprock, 50er-Rock'n'Roll, Swing und Jazz an die niederen Instinkte. Und natürlich klingt es vermutlich immer recht gut, wenn ausgebildete Musiker den aus "Blues Brothers" bekannten Klassiker "Minnie The Moocher" von Cab Calloway covern. Aber Amanda Jenssen gelingt es, inmitten dieses - lauten - Konzertes zu bestehen, ihre eigenen Lieder, sei es das in seinen ersten Takten fast schon frech auf der Bassline von Donna Summers "I Feel Love" aufbauende "Happyland", sei es das sehnsüchtige "Amarula Tree", quasi zu behalten. Sie entwickelt eine Präsenz, die überrascht. Denn Amanda Jenssen ist gerade mal 21 Jahre alt. Und eigentlich ist die junge Schwedin ziemlich schüchtern, wie sich während des Interviews am Nachmittag zeigt.
In ihrer Heimat verlor Amanda Jenssen vor drei Jahren im Finale der Sendung "Idol 2007" gegen eine gewisse Marie Picasso. Und sie möchte nicht darüber sprechen. Keinesfalls, weil sie die recht knappe Niederlage so mitnahm, sondern weil die TV-Show ebenso wie ihr hiesiges Pendant "Deutschland sucht den Superstar" keinen allzu guten Stallgeruch hat.
"Selbstverständlich musste ich da Songs singen, die absolut furchtbar waren. Und natürlich hatte ich meine Probleme damit, dass es in der Sendung um ganz andere Dinge ging, als die, die für mich wichtig waren. Es ist im Übrigen auch frustrierend, Leuten beim Scheitern zuzuschauen. Man ist dort ein fabrikgemachtes Produkt, das nach 15 Minuten seine Haltbarkeit überschritten haben kann. Das war meine größte Angst, dass mir das passiert", sagt sie - um anschließend aber doch noch so eine Art Kurve zu kriegen. Im Nachhinein sei sie dennoch froh, mitgemacht zu haben. Weil ihr Weg sonst vermutlich ein anderer gewesen wäre. Und, der Vollständigkeit halber: Auch als Zweite bekam Amanda Jenssen einen Plattenvertrag. Mehr noch, ihr Debütalbum "Killing My Darlings" eroberte 2008 aus dem Stand die Spitze der schwedischen Hitparaden.
Die musikalische Sozialisation fand vorher statt, sogar eine ganze Weile vorher. Im Hause Jenssen lief offenbar gute Musik. Immer und ausschließlich. Amanda war 13 Jahre alt, als ihr Vater ihr ein Geschenk machte, das stilprägend sein sollte: "Er gab mir eine Fünf-CD-Box, die 'Jazz Ladies' hieß. Bis dahin hatte ich eher so Sixties-Sachen gehört. Die Beatles, die Kinks. Das war aber plötzlich passé. In meinem Zimmer lief ab diesem Moment Ella Fitzgerald und so, und ich dachte nur noch: Ja, das ist es." Später kamen dann noch andere dazu. Zum Beispiel die alten Herren Tom Waits, Johnny Cash, Bob Dylan. "Das lief bei uns immer. Aber es brauchte eine Weile, bis ich da wirklich zuhörte. Erst vor ein paar Jahren lernte ich das schätzen. Dazu muss man vielleicht etwas älter sein."
Wichtiger als die Weitergabe von Tonträgern war aber wohl die väterliche Integration der Tochter in seine Band: "Mein Vater ist Künstler. Er war Schauspieler, Schriftsteller, aber eben auch Songwriter. Als ich ein Teenager war, war es das Natürlichste der Welt, mit ihm eine Band zu gründen." Die hieß Amanda & The Papas und war vielleicht so eine Art Testballon für das, was kam und von dem Amanda wusste, dass es kommen sollte: "Das Bedürfnis, irgendwann einen bürgerlichen Beruf zu ergreifen, etwa Zahnarzt zu werden, das hatte ich nie. Es war immer sicher, dass ich auch irgendetwas Kreatives machen würde."
Einen Wunsch, den Amanda Jenssen übrigens für sich behielt. Aus Bescheidenheit, aber auch aus dem Wissen heraus, dass die, die sie nicht so gut kennen würden, die ganze Angelegenheit eher belächeln würden. Das Gute daran: So hatte sie Zeit, nachzudenken, weniger über den Berufswunsch an sich als über ihr Klangkonzept.
Sowohl der Song als auch das Album "Happyland" haben durchaus einen theoretischen Überbau. Ihr "Happyland", so erzählt sie, wäre ein Nachtclub, im Amerika der 20er- oder 30er-Jahre. Ein verruchter und nicht ungefährlicher Laden voller komischer Gestalten. Ein Spiegel der eigenen Sehnsüchte, vermutlich. Den immer im Raum stehenden Retro-Verdacht negiert sie dabei: "Es war mir wichtig, die Stücke in unsere Zeit zu bringen. Meine Einflüsse, die natürlich alt sind, auf heute umzulegen." Wichtig sei letztendlich allerdings der Song an sich - und wenn sie sich zwischen den Jobs Sängerin und Songwriterin entscheiden müsste, würde sie Letzteres wählen.
Fragt man sie, aus wessen Mund sie gerne ihre Lieder hören würde, muss Amanda Jenssen lange nachdenken. "Ich habe ein paar Stücke geschrieben, die nicht mein Style sind. Die liegen eben jetzt herum. Aber wer sie singen soll, weiß ich nicht. Alle, die ich sie gerne singen lassen würde, schreiben ihre Stücke leider selbst." ~ Jochen Overbeck (teleschau)
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