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"Zynismus hilft nicht weiter"


Alexander Veljanov öffnet auf seinem Soloalbum "Porta Macedonia" die Privatschatulle

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"Zynismus hilft nicht weiter"

Alexander Veljanov öffnet auf seinem Soloalbum "Porta Macedonia" die Privatschatulle

07.11.2008 Auf der Bühne ist Alexander Veljanov ein Meister der Contenance. Als er bei seinem ersten Live-Auftritt zu Ehren seiner Neuveröffentlichung "Porta Macedonia" im Berliner Admiralspalast auftrat, reihte er eine kleine Ewigkeit lang Töne aneinander, bis er endlich dem Publikum erlaubte, zu applaudieren. Als ihm später dann Schweißperlen auf seiner Stirn standen, berührte er vorsichtig mit dem Handrücken sein Gesicht, wischte kaum merklich darüber. Wer ist dieser Mann im langen dunkelvioletten Mantel, der seit 20 Jahren wie ein Prinz wirkt, wenn er in der Öffentlichkeit auftritt? Musikalisch ist so viel sicher: Der Sänger des avantgardistischen Duos Deine Lakaien hat nach langer Zeit mit "Porta Macedonia" wieder ein Soloalbum veröffentlicht. Und stilistisch unterscheidet es sich nicht wesentlich vom Dark Wave der 1985 mit Ernst Horn gegründeten Band. Bezüglich des Menschen Veljanov ist festzustellen, dass er im Interview sehr nahbar wirkt. Und sich immer und stets Gedanken macht über diese Welt, in den letzten Jahren insbesondere über sein Geburtsland Mazedonien.

Ich dachte immer, man muss sich entscheiden, Politik oder Prosa. Dein Album "Porta Macedonia" schafft es aber, aktuelle Zustände auf poetische Weise zu beschreiben.

Veljanov - P

Alexander Veljanov: Ja, es ist sowohl politisch als auch ein privates Album. Wenn man seine Vergangenheit aufarbeitet und sich gleichzeitig mit der Realität konfrontiert sieht, entsteht mehr als eine Sammlung an Liebesliedern.

Also ist dieses Soloalbum tatsächlich sehr persönlich?

Veljanov: Ich sage lieber vielschichtiger in Bezug auf mich und meine Position in der Vergangenheit und in der Gegenwart. Meine Sicht auf die Zustände in Mazedonien konnte ich nicht ausblenden. Dieses kleine, gebeutelte Land schlägt sich in meinen Texten nieder, seine kurze Unabhängigkeit, wo es hinmöchte und welche Mächte es behindern.

Dabei bist Du dort hingegangen, weil Du Dich nach dem letzten Lakaien-Album etwas ausgebrannt fühltest.

Veljanov - H

Veljanov: Das klingt immer so übertrieben. Der Beruf des Künstlers ist nicht vergleichbar mit anderen, bei denen man um sieben oder noch früher aufsteht, arbeitet, sein Wochenende und den Jahresurlaub hat. Solche Strukturen können hilfreich sein, meine Arbeitszeit ist anders definiert, weil manches spielerischer ist, aber es bleibt dennoch anstrengend. Daran kann man zerbrechen, wenn man sich nicht von Zeit zu Zeit stabilisiert.

Wie gelingt Dir das?

Veljanov: Normalerweise indem ich im Studio stundenlang überlege, welches Instrument warum besser klingt. Viele finden das anschließende Roulettespiel "Top Ten oder nicht" aufregender als den Produktionsprozess. Solche Musiker haben einen anderen Antrieb, geben so viel Arbeit wie möglich ab. Nach einem Jahr wie 2002, das von "White Lies" (das letzte Deine-Lakaien-Album, die Red.) ausgefüllt war, stellst du im Dezember die Frage: Was war in den zwölf Monaten? Viel Gutes, aber du bist leer. Ich wollte unseren Turnus regelmäßiger Veröffentlichungen unterbrechen. Auch unter dem Aspekt, dass ich den Faden zu meiner zweiten Heimat Mazedonien aufnehmen wollte, den ich in den Neunzigern fallen ließ.

Hat die neue Umgebung Deine Herangehensweise verändert?

Veljanov: Ja, ein Track wie "Zwei vor und drei zurück" wäre nie entstanden, wenn ich nicht so viele Monate den Spagat erlebt hätte zwischen bettelnden Straßenkindern und High-Tech-Palästen, die dort von Weltkonzernen gebaut werden.

Wie schwierig ist es, da nicht zynisch zu werden?

Veljanov: Zynismus hilft nicht weiter. Früher war ich gerne zynisch, das kann man aber nur aus einer Saturiertheit heraus sein. Wenn man in einer satten Gesellschaft lebt, passiert das leicht, weil man nichts ändern kann. In Mazedonien, einem Land, das so gar keine Stabilität hat, nicht mal so groß ist wie Berlin, treffen Ideen aufeinander, die konträre Entwicklungen einleiten. Ich habe gelernt, dass es ganz andere Formen von Solidarität geben muss, um zu überleben. Was unsere Probleme in Deutschland angeht, da hältst du ganz schnell den Mund.

Wo siehst Du Dich in diesem Gefüge?

Veljanov: Mittendrin, ich bin der Torwärter zwischen den beiden Staaten, bringe zwei Sichtweisen zusammen. Ich will, dass man mit Mazedonien mehr verbindet als Fresken, Mythen und Sagen - und dafür sorgen, dass es öfter auftaucht als einmal im Jahr beim Grand Prix. Das war jetzt zynisch, aber (grinst) ...

... auch wahr. War die satte Gesellschaft für Dich der Grund, die Nabelschau zu beenden und anderswo hinzusehen?

Veljanov: Schwierig zu sagen. Es gibt Künstler, die nur in ihrer Scheinwelt leben, nicht wissen, wie sich die Regierung zusammensetzt oder wie der Bürgermeister heißt, die sich dafür entschieden, die Realität zu ignorieren. Mir ist es wichtig zu beobachten. "Mein Weg" beschreibt eine Vision, wie man durchs Leben geht, ohne ständig hinzufallen. Viele begnügen sich mit ihrem Job, der Familie. Das ist legitim, es ist schwierig, damit umzugehen, dass man eigentlich sterben muss, bevor man verstanden hat, worum es geht.

Wie schwer liegt Dir Dein Wissen auf der Seele?

Veljanov: Was Mazedonien angeht, habe ich Angst, dass ein Bürgerkrieg ausbricht und das Völkerrecht gebrochen wird. Bei vielen hier sehe ich eine Überforderung mit der globalen Vernetzung. Im Internet findest du alles, aber mit der Wahrheit wird es immer schwieriger. Auch Position zu beziehen, ist mehr und mehr ein Problem, denn man kann sich so viel Unwahrheit ergooglen.

Macht Dich das nicht verrückt?

Veljanov: Da hilft die mazedonische Mentalität, schlimmer geht immer. Man bleibt auf dem Boden, trinkt einen Kaffee, und redet darüber. Was aber nicht heißt, dass man blind wird.

Wenn Du Dich so intensiv auf ein neues Leben einlässt, musst Du das alleine machen?

Veljanov: Nein, ich bin kein Allein-Mensch, ich muss immer Kontakt haben, mich austauschen. Auch als Musiker arbeite ich mit Leuten zusammen. Das genau ist das Spannende. Bei einem Maler kann ich nachvollziehen, dass er alleine etwas tut, sonst nicht.

Du hast Deine Chancen genutzt, wann immer Du andere Künstler getroffen hast, die Dich ergänzten, aber nichts forciert. Wie erlangt man diese Ruhe, manchmal abzuwarten?

Veljanov: Ich bin erfreulicherweise nicht Madonna, die mit 50 noch schöner, noch schlanker, noch muskulöser sein will als eine 18-Jährige. Das ist eine Tragödie, die aus blindem Ehrgeiz entsteht - und aus dem Bedürfnis, nicht altern zu wollen.

Setzt Du dem Selbstbewusstsein entgegen?

Veljanov: Gesang ist archaisch und emotional. Dadurch, dass ich damit andere berühre, bin ich fast schon ein Medium. Eine innere Ruhe kommt nur, wenn man weiß, dass man das, was man macht, im Kern auch kann. Es gibt Leute, die ihr Leben lang nur vortäuschen, Scharlatane. Die Stimme ist mir in die Wiege gelegt worden, deswegen wurde ich in die Öffentlichkeit geschoben. Das ist nicht der Ort, an dem ich mich gesehen habe. Ich bin ein Anti-Bühnentyp, gelte daher als arrogant, kommuniziere nicht mit dem Publikum.

Was wolltest Du eigentlich werden?

Veljanov: Regisseur oder Autor. Ich wollte sehr wohl etwas verbreiten, aber dazu nicht an einem Ort stehen, wo die anderen mit dem Finger auf mich zeigen können: Aha, so sieht er heute aus. Ich muss mich rauszwingen, auch wenn mir gar nicht danach ist. Das kann zu Deformationen führen. Manche haben so viel Angst, dass das in Selbstzerstörung endet. Immer zu viel zu wollen, ist gefährlich. Dann stranguliert sich der eine an der Heizung, der andere fährt mit dem Auto gegen den Baum.

Dabei denkst Du jetzt aber nicht an den gerade verunglückten Österreicher Jörg Haider, oder?

Veljanov: Doch, auch. Der war doch ein Popstar. Was steckt dahinter, wenn einer morgens betrunken in seinem Auto fährt? Ein Spiel mit dem Feuer.

Fühlst Du Dich manchmal unverstanden, weil Du Dir so viele Gedanken machst und Dir andere nicht folgen können?

Veljanov: Oh ja, ich bin der arme missverstandene Künstler (lacht). Musik darf auch einfach nur gut tun. Aber ich mache keine Tapetenmusik. Also nichts für die Verabredung zu Hause, bei der ich in zwei Stunden an einem bestimmten Punkt sein will. "Porta Macedonia" eignet sich in gewissen Momenten für Romantik zu zweit, aber nicht durchgängig.

Findest Du eine Stimmung, die das Album überschreibt?

Veljanov: Nein, es ist eine Berg- und Talfahrt, sehr ernsthaft, wenn ich mich mit dem Krieg auseinandersetze. Bei "Lilly B." hingegen verheimliche ich meine Schadenfreude über gesellschaftliche Tendenzen nicht länger (grinst). Es hat eine Reife und Entspanntheit durch das autarke Arbeiten. Statt in mazedonisch zu singen, veröffentliche ich ein Album, das so viele deutsche Texte hat wie nie zuvor. Eigentlich absurd.

Letzte Frage zu den Lakaien, geht es da weiter?

Veljanov: Wir treten im November in China auf.

Ist das kein Land, das Du verurteilst?

Veljanov: Ich maße mir nicht an, über dieses Land zu urteilen. Ich habe schon genug damit zu tun, die europäische Geschichte zu ordnen. Mich interessiert, was die Leute über Deutschland denken, ob sie mehr kennen als die Scorpions, wie sie auf uns reagieren. Es gibt keine korrekten Länder, die chinesische Geschichte ist ein riesiges Fragezeichen. Wenn ich dort durch die Straßen laufe, werde ich spüren, wie die Stimmung ist. Dann schaue ich, wie ich das einordnen kann. Und mit den Lakaien wird es weitergehen, ohne Druck. Man muss sich die Luft nehmen, so wie ich das jetzt gemacht habe. ~ Claudia Nitsche (teleschau)


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