Roman Fischer

Weniger Eitelkeit, mehr Eigenverantwortung


Roman Fischer veröffentlicht sein drittes, selbst betiteltes Album

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Weniger Eitelkeit, mehr Eigenverantwortung

Roman Fischer veröffentlicht sein drittes, selbst betiteltes Album

23.07.2010 Und noch einmal von vorn: Gleich in mehrerlei Hinsicht wagt Songwriter Roman Fischer (25) mit seinem dritten, selbst betitelten Album einen Neustart. Ein bisschen auch gezwungenermaßen: Seit dem von Kritikern bejubelten "Personare" sind vier Jahre vergangen. Zeit, die für den Umzug von Augsburg nach Berlin, die Suche nach einem neuen kreativen Umfeld, den Wechsel von Blickpunkt Pop (Label von Sportfreunde-Manager Marc Liebscher) zum Branchenriesen Universal draufging. Ganz freiwillig und absolut natürlich wirkt hingegen Fischers musikalische Neuausrichtung: Melancholisch sei er immer noch, gibt er im Interview zu. Doch aus "Roman Fischer" spricht vor allem eine neue Leichtigkeit - und eine neu erwachte Liebe, der Mut zu Popmusik.

Du warst vor Kurzem bei Rock im Park / Rock am Ring, musstest aber schon um 13 Uhr auftreten. Ist das nicht eine furchtbar undankbare Zeit?

Roman Fischer - M

Roman Fischer: Nein, wir empfanden das alle als extrem dankbar. Die Leute machten Polonaise, sind rumgesprungen, hielten Schilder hoch. Und wir fragten uns: Was geht denn bei Euch? Wahnsinn!

Gab's irgendwas, was Du Dir selbst angesehen hast?

Fischer: Kate Nash. Und ich war bei Jay-Z, der war wirklich toll.

Und irgendwelche Stars getroffen?

Roman Fischer - R

Fischer: Naja, Kate Nash ist im Hintergrund rumgelaufen, und ich glaube, ein Bandkollege hat ein Foto mit dem Kiss-Sänger gemacht ... Ach ja: Ich stand auf einmal mit The Hives in der Dusche. (lacht)

Mal von der Begegnung mit The Hives abgesehen ... Was war die wichtigste Erfahrung in den letzten vier Jahren für Dich?

Fischer: Also die wichtigste Erfahrung war schon mein Wohnortwechsel. Wobei ich ja eher aus privaten als aus musikalischen Gründen nach Berlin gezogen bin und mir dort jetzt mein Zuhause aufgebaut habe. Dadurch sind so viele Sachen ins Rollen gekommen. Und seitdem ich in Berlin bin, bin ich auch viel öfter woanders. In Augsburg hatte ich immer das Gefühl, dass ich dort oder maximal in München war. Und deswegen hat auch alles länger gedauert, weil ich mir ein neues, auch kreatives Umfeld suchen musste. Ich musste die Wohnung renovieren, auch erst mal ein bisschen leben in Berlin.

Wo in Berlin lebst du?

Fischer: In Kreuzberg.

Ich frage, weil es ja durchaus einen Unterschied macht, ob man in Kreuzberg, Prenzlauer Berg oder Mitte wohnt ...

Roman Fischer - S

Fischer: Es macht einen Unterschied, aber dann auch wieder nicht. Da zeigen sich dann auch die provinziellen Seiten von Berlin, dass Leute auch mal gar nicht aus ihrem Kiez herauskommen. Für mich ist das selbstverständlich, dass man überall hingeht ...

... und die Anonymität der Großstadt genießt?

Fischer: Ja, das war für mich total notwendig. In Augsburg hatte ich gute Freunde, verstand mich mit viel zu vielen Menschen viel zu gut. Wenn ich auf die Straße ging, dann traf ich sofort Leute, die ich kannte. Man kommt ins Gespräch, ist total nett zueinander. Aber irgendwann merkte ich eben, dass mich das auch bremst.

Inwiefern?

Roman Fischer - M

Fischer: In Berlin ist man halt gezwungen, alles selbst zu stemmen. Man hat mehr Eigenverantwortung. Das bedeutet, dass ich mich selbst um meine Freunde kümmern muss, dass mir nichts mehr geschenkt wird. Aber diese Selbstbestimmung hat mir auch eine Zeit lang gefehlt. Und am Anfang kannte ich in Berlin auch nicht so viele Leute, da war sehr oft auch alleine und konnte reflektieren. Da sind dann auch Gefühle hochgekommen, die ich lang unterdrückt und nicht mehr gesehen hatte.

Wie etwa Heimweh?

Fischer: Ich hatte vielleicht einmal Heimweh. Einen Tag lang, in der ersten Woche (lacht laut). Nein, vielleicht auch ein zweites Mal. Ich vermisse natürlich ein paar gute Freunde!

Aber hat sich der Umzug trotzdem in Deiner Musik niedergeschlagen?

Fischer: Nein, denn ich finde Berlin per se auch nicht unbedingt inspirierend. Das war auch nicht der Grund, warum ich dort hingezogen bin. Aber ich glaube ja auch, dass Musik, die Substanz hat, immer aus einer Notwendigkeit entspringt. Dass es einen wahrscheinlich mehr inspiriert, wenn man - so wie bei mir damals - auf dem Dorf sitzt und es da einfach nichts gibt und man etwas zu bemängeln hat. In Berlin ist das meiste ständig vorhanden ... Es ist schon eher so, dass ich mir manchmal dachte: Ich brauch' ein bisschen Widerstand, um kreativ zu sein!

So, dann hast Du jetzt die Gelegenheit, Widerstand gegen den guten Geschmack zu leisten ... Hast Du einen peinlichen Lieblingssong?

Roman Fischer: Ich hab ständig peinliche Lieblingssongs. Zurzeit ist es Miley Cyrus, ein ganz schlimmer Song. Aber irgendwie finde ich den ganz gut.

Was - auch angesichts Deines neuen Album - natürlich zu der Frage führt: Muss einem die Liebe zu Popmusik peinlich sein?

Fischer: Naja, ich glaube, dass das eine Entwicklung ist. Ich meine, jeder hat doch auf seinem Computer MP3-Ordner, in denen sich Popmusik findet, dann wieder andere mit alternativer Musik. Ich dachte ja auch, als wir vor drei Jahren mit der Arbeit an diesem Album begannen, dass es total Punk wäre, Popmusik zu machen. Weil Punk ja immer bedeutet, das zu machen, was nicht in der Allgemeinheit passiert. Aber heute hat sich alles aufgelöst.

Auf dem neuen Album gibt's einen Song namens "Let It Go". Bist Du entspannter geworden? Du galtest ja immer gerne als ein wenig "verkopft" ...

Fischer: Nun, ich glaube, dass ich mich selbst vielleicht nicht mehr so ernst nehme. Ich bin, seitdem ich in Berlin bin, auch nicht mehr so eitel, was ich als sehr angenehm empfinde. Und klar, "Let It Go" hat auch damit zu tun, dass ich inzwischen eher mal loslassen kann, sagen kann, der Song ist jetzt fertig, während das früher immer ziemlich lange gedauert hat. Es wird halt nie so perfekt, wie man sich vorstellt und es gerne hätte.

Gibt's eine weitere lästige Angewohnheit, die Du gerne abstellen würdest?

Fischer: Ja, manchmal frage ich mich, ob es noch ein Leben ohne Rausch in jeglicher Form gibt. Insgesamt ein Leben der Rückbesinnung - auch was etwa Technik angeht. Um so weniger Zeit ich im Internet verbringe, umso besser, hab ich gemerkt. Ich meine, alles, was ich arbeite, ob das jetzt Musik oder Grafik ist, alles spielt sich vorm Computer ab. Manchmal merke ich dann so ein Interesse an Natürlichkeit. Ja ... (seufzt) ... Jagen gehen, Feuer machen (lacht) ...

Das klingt jetzt doch wieder ein bisschen nach dem einsamen Nostalgiker ... Du hast auch ja auch mal gesagt, dass Du Dich zeitweise richtiggehend in der "Melancholie verloren" hattest ...

Fischer: Ja, aber die Melancholie der ersten beiden Alben kam eben auch daher, dass ich vom Dorf kam, dass ich aus familiären und infrastrukturellen Gründen sehr viel Zeit hatte, und irgendwas mit dieser Zeit anstellen musste. Während andere Jungs in dem Alter zwischenmenschliche Erfahrungen gesammelt haben, kam das alles bei mir erst sehr viel später. Deswegen war ich eben gezwungen, Musik zu machen. Und die nächste U-Bahn war eben auch drei Dörfer weiter. Es ging halt nichts! (lacht) Das war damals eben mein Lebensgefühl, so eine Art Eremitendasein. Aber inzwischen hab' ich es aber besser raus, mich nicht mehr so darin zu suhlen.

Wie sah das aus? Hast Du Dich dann komplett zurückgezogen? Oder doch eher versucht, das zu verdrängen?

Fischer: Nein, ich hab mich dann eher zurückgezogen. Wenn ich traurig war, hatte ich das sehr gut drauf, mich da noch mehr reinzusteigern. Aber ich habe auch schon festgestellt, dass sich meine Auffassung von Melancholie von anderen Menschen unterscheidet. Es gibt oft Songs, von denen andere Leute sagen: "Das ist mir jetzt zu krass, das zieht mich runter", die ich einfach nur total schön finde. Ich habe da wohl eine höhere Toleranzgrenze. ~ Stefan Weber (teleschau)


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