Eine Feststellung sollte von vornherein gemacht werden: Norah Jones ist inzwischen 30. Und damit wohl rein objektiv betrachtet dem Mädchenalter entwachsen. Denn wer von der US-Singer/Songwriterin immer das Bild des zarten und schüchtern wirkenden Jazz-Pop-Wesens, das kaum hinter seinem Piano hervorkommt, vor Augen hat, wird von "The Fall" mehr als überrascht sein. ~ Stefan Weber (teleschau) aufklappen »
Klar: Das sanfte Hauchen, das angenehm warme Timbre ihrer Stimme ist auf ihrem vierten Album noch präsent. Von der leichtfüßigen Kaffeehaus-Jazz-Atmosphäre ihres erfolgreichen Debüts "Come Away With Me" aus dem Jahr 2001 ist jedoch nichts mehr zu spüren.
Das hervorstechendste Merkmal von "The Fall": Jones sitzt nur noch selten am Piano. Stattdessen greift die Sängerin verstärkt in die Saiten, nachdem sie sich selbst Gitarre spielen beigebracht hat. Unterstützt wird sie dabei von einer neuen Band, die sie gemeinsam mit Produzent Jacquire King (Kings Of Leon, Tom Waits) zusammenstellte. Hervorzuheben sind hier vor allem die beiden Gitarristen Marc Ribot (Elvis Costello, Tom Waits) und Smokey Hormel (Joe Strummer, Johnny Cash).
Denn ihrem Einsatz ist es zu verdanken, dass die Songs der US-Amerikanerin früher gerne geschliffene Ecken und Kanten bekommen. Am gesamten Klangbild, am warmen und dichten Sound ändert sich dadurch zwar vergleichsweise wenig. Aber die sanften Hintergrund-Feedbackschleifen bei "Even Though" oder der feine Country-Einschlag in "I Wouldn't Need You" machen die Songs griffiger, den Klang erdiger.
Bei "It's Gonna Be" entwickeln Jones und ihre Band sogar einen mächtig rockenden Groove. Und die Folk-Ballade "December" zeigt deutlich ihr gereiftes Songwriting-Talent. Überhaupt präsentiert sich die 30-Jährige auf "The Fall" gewillt, sich als Künstlerin zu emanzipieren. Jazz-Pop-Mädchen ist sie jedenfalls keines mehr.