Man würde sich "Chinese Democracy" ja gerne vollkommen unbefangen nähern. Möglich ist das allerdings nicht. Und es ist anzunehmen, dass auch Axl Rose genau um die Erwartungshaltungen weiß, die sich mit diesem Album angesichts seiner Entstehungsgeschichte verbinden. Irgendwie sollte sich der - vorsichtig ausgedrückt - "Aufwand", den der Sänger und Kopf von Guns N' Roses für "Chinese Democracy" betrieben hat, musikalisch ja auch auszahlen. Und das tut er nicht unbedingt. ~ Stefan Weber (teleschau) aufklappen »
Denn man merkt dem Album an, dass Rose kein wirkliches Maß und nur ein Ziel kannte: "Chinese Democracy" musste noch schneller, höher, weiter und größenwahnsinniger werden als alle Guns-N'-Roses-Alben zuvor. Um das zu erreichen, lässt er nichts - leider wirklich gar nichts - unversucht. Vom durchaus cleveren Selbstplagiat über mehr als auffällige Zitate aus der Rock-, aber auch Popgeschichte bis hin zu modernistischen Nu-Metal-Anleihen und Drumbeats, alle (Produktions-)Möglichkeiten werden auf "Chinese Democracy" aus- und durchgespielt. Was gar nicht so schlimm wäre, wenn Axl Rose genauso viel Energie und Akribie in sein Songwriting investiert hätte.
Aufatmen lässt immerhin die Tatsache, dass die beiden vorab bekannten Stücke, die Single "Chinese Democracy" und das im Computerspiel "Rock Band 2" aufgetauchte "Shackler's Revenge" zu den schlechtesten Stücken des Albums gehören. Vor allem Letzteres wirkt mit seinen kreischenden Riffs und Axl Roses seltsamem Gegrunze nur wie ein billiger Abklatsch eines mittelmäßigen Korn-Songs. "Better" hingegen nähert sich nach einem überflüssigen Intro schon einer klassischen Hard-Rock-Nummer an. In diesem Sinne perfekt ist allerdings nur "Scraped", das tatsächlich gute Erinnerungen an "Welcome To The Jungle" weckt. Allerdings ohne jemals dessen Wucht zu erreichen, das letzte Körnchen Wut und Aggressivität fehlt Axl Roses Stimme dann doch. Aber gut, mit inzwischen 46 Jahren sei ihm das zugestanden.
Ebenso in Ordnung gehen die meisten Stücke, die sich Richtung Classic Rock à la Aerosmith ("There Was A Time", "I.R.S.") bewegen oder in denen Axl Rose sein Faible für pathetische und ausufernde Piano-Balladen auslebt ("Street Of Dreams", "This I Love"). Diesbezüglich zu sehr auf die Spitze treibt es allerdings "Sorry", das wie eine Karikatur von "Nothing Else Matters" wirkt, zu der Glenn Frey von den Eagles noch ein lässliches Gniedel-Solo beisteuert. Der Song zeigt stellvertretend auch noch mal das Grundproblem von "Chinese Democracy": Axl Rose will von allem zu viel. Und gerade bei diesem Album und seiner Geschichte mag die viel beschworene Floskel hohl und absolut lächerlich klingen, aber: Weniger wäre mehr gewesen.