Campino

Es musste so kommen ...


Campino und die Toten Hosen veröffentlichen ihr neues Album "In aller Stille"

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Es musste so kommen ...

Campino und die Toten Hosen veröffentlichen ihr neues Album "In aller Stille"

14.11.2008 Viele Prominente sind in Wirklichkeit kleiner als man annahm. Campino nicht. Er ist groß, wirkt schlanker denn je. Die letzten Jahre, so scheint es, haben ihn verändert. Im März 2004 kam sein Sohn zur Welt, 2006 wurde die Trennung von der Schauspielerin Karina Krawczyk bestätigt. 2006 stand er in Berlin unter der Regie von Klaus Maria Brandauer in Bertolt Brechts "Dreigroschenoper" auf der Bühne, später übernahm er die Hauptrolle in "Palermo Shooting" (Kinostart: 20.11., Regie: Wim Wenders). Campino hat sich ausprobiert, ist neue Wege gegangen - und nun wieder heimgekehrt. "In aller Stille" heißt das neue Album der Toten Hosen, das erste nach vier Jahren Pause und das beste seit über einem Jahrzehnt. Im Interview spricht der 46-Jährige über echtes Glück, neue Anarchie, die Kanzlerin und die Lehren der Vergangenheit. Und er sagt, wen er lieben kann. Einfach so ...

In den vergangenen zwei Jahren ist viel passiert in Deinem Leben. Theater, Kino. Steht nun ein anderer Campino auf der Bühne?

Campino - N

Campino: Ich weiß nicht, ob es ein anderer ist. Aber ich hoffe, ich habe etwas gelernt.

Gelernt, inwiefern?

Campino: Ich habe viele interessante Menschen getroffen, die mir etwas beibringen konnten. Klaus-Maria Brandauer zum Beispiel, ein Meister des Timings. Ob es nun eine Theaterbühne oder eine für die Musik ist - es geht immer um die Sprache, um das Wort. Und um die Bewegungen, die du auf der Bühne machst. Während meines Theaterengagements habe ich mich oft gefragt: Was sagt Deine körperliche Haltung den Zuschauern? Ich bin kein Schauspieler, und ich will auch niemandem etwas vorspielen. Aber ich will verstanden werden auf der Bühne.

Das sind die technischen Aspekte. Hat Dich die Zeit persönlich verändert?

Campino - C

Campino: Ich bin ein Teamworker. Ich frage andere um ihre Meinung, das war immer so. Nur: Sowohl beim Film als auch beim Theater war ich alleine, musste alleine Verantwortung übernehmen, Dinge entscheiden. Eine wichtige Schule.

Seit dem letzten Hosen-Album ist viel Zeit vergangen. Wie ordnest Du das neue ein?

Campino: Jedes Album ist eine Momentaufnahme. Eine Art Tagebuch. Es spielen immer unterschiedliche Gefühle mit hinein. Dinge, die wir alle eben erlebt haben. Diesmal weiß ich vor allem eines: Wir haben unser Bestes gegeben. Ich weiß, was bei allen in der Band so geschehen ist, bei Kuddel, bei Andi ...

Nämlich?

Campino: Ich will das hier nicht ausbreiten. Aber natürlich gibt es auch bei uns echte Dramen. Und wenn ich nun sehe, wie alle ihre Priorität auf die Band gesetzt haben, dann macht mich das glücklich.

Eine Platte als Therapie?

Campino - Z

Campino: Therapie? Auf jeden Fall ist es etwas Schönes, sich manches von der Seele schreiben zu können. Ich erinnere mich an unseren Song "Nur zu Besuch", da schrieb ich gerade einmal eine Viertelstunde an dem Text. Ich war in Gedanken beim Tod meiner Mutter, die drei Monate vorher gestorben war. Dass dieses Lied so viele Leute angesprochen hat, dass es auf vielen Beerdigungen gespielt wird, dass ich wusste, dass ich Menschen damit berühren konnte - das war ein guter Moment. Und manchmal denke ich, dass es meiner Mutter auch gefallen würde. Ist das therapeutisch? Ich weiß nicht ...

Eure Anhänger wurden mit Euch älter. Für wen schreibst Du? Das neue Album klingt erwachsener als die bisherigen.

Campino: Wenn ich mir überlegen würde, für wen ich schreibe, würde ich schon in die Falle gehen. Ich will keine Erwartungshaltungen bedienen. Ich wollte nie etwas abliefern, was man von mir erwartet, was mein Ruf, unser Image verlangt. Ich konzentriere mich auf mich selbst, auf meine Situation. Niemand sollte vorgeben, etwas zu sein, was er nicht ist. Und ich bin vieles nicht: nicht mehr 18, nicht mehr 30. Es geht darum, bei sich zu bleiben. Was haben wir schon zu geben, außer uns selbst?

Eine gewisse Berechenbarkeit war aber stets ein Trumpf der Toten Hosen. Wer von Euch ein Album kauft, weiß, was er bekommt ...

Campino - C

Campino: Das unterschreibe ich. Bei der neuen Platte wird jeder erkennen: Das sind die Hosen. Klar, Fans wollen Berechenbarkeit. Geht mir genauso, wenn ich zum Beispiel auf die neue AC/DC warte. Oder wenn ich mich auf die neue Ramones gefreut habe, dann wusste ich, da sind immer mindestens drei magische Lieder drauf. Was uns betrifft, hoffe ich, dass unser bestes Lied nicht geschrieben ist.

Das hast Du schon so oft gesagt ...

Campino: Weil es meine Grundeinstellung ist.

Es ist also auch diesmal nicht dabei?

Campino: Natürlich nicht. Das ist doch mein Antrieb. Mein Grund, mich auf die nächste Platte zu freuen. Was nichts daran ändert, dass ich weiß, dass wir bislang sowohl Alben hatten, die uns viel bedeuten, als auch welche, die weniger gut waren. "Zurück zum Glück" gehört sicher unter die schwächeren. Und das aktuelle Album ist eine direkte Reaktion darauf. Auch unsere Unplugged-Platte war ein schöner Moment für mich. Wir hatten die Chance, unseren Katalog neu zu beleuchten, unseren Liedern wieder eine Seele einzuhauchen. Wenn du 1500-mal "Hier kommt Alex" spielst, dann ist die Gefahr da, dass du es nicht mehr wirklich meinst. Und dann hast du ein Problem. Ich muss vor den nächsten Konzerten immer einen Weg finden, das Lied wieder zu meinem zu machen. Wenn das nicht gelingt, ist es saft- und kraftlos. Und die Leute merken das.

Die Tosen Hosen gelten als Bühnenprofis. Aber haben Dich Deine Engagements im Theater und im Film devoter gemacht?

Campino: Sie halfen mir zu begreifen, wie viel mir das wert ist, was ich als Hauptaufgabe in meinem Leben empfinde. Halfen mir, zu verstehen, dass mich nicht der Zufall in den Proberaum der Toten Hosen geweht hat. Nein, es musste so kommen. Womöglich hätte ich im Theater merken können, dass es ein Riesenirrtum war, in einer Band zu sein. Doch das ist nicht geschehen.

Was geschah stattdessen?

Campino: Es wurde mir klar, dass die Toten Hosen ein eigenes Universum sind. Und die Regeln, die dort gelten, haben mit denen draußen nichts zu tun. Das Theater hat mir das gezeigt. Ich musste mich dort zwischenmenschlich mit völlig neuen Dingen herumschlagen. Und es hat mich viel Energie gekostet. Beim Film war es anders: Das hatte etwas Familiäres, das Team um den Regisseur Wim Wenders kannte sich ewig. Ich erinnere mich daran, dass ich beim Dreh in Palermo aufwachte und mich das erste Mal seit vielen Jahren richtig glücklich fühlte. Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Klingt wunderbar ...

Campino: ... und ist irgendwann eben auch wieder vorbei. Ein trauriger Moment. Beim Theater habe ich mich von vielen Leuten nicht mal mehr verabschiedet. Zwei völlig verschiedene Erfahrungen. Aber ich will nicht übertreiben. Vieles von dem, was mir privat passiert ist, war prägender ...

Deine Beziehung zur Schauspielerin Karina Krawczyk endete nach fünf Jahren. Hast Du manchmal das Gefühl, dass der Preis, den Du für die Toten Hosen bezahlst, zu hoch ist?

Campino: Nein, das ist meine Eigenverantwortung. Ich werde den Hosen dafür nicht die Schuld in die Schuhe schieben.

Aber dem Leben, das sie notwendig machen ...

Campino: Wir alle können uns jeden Tag entscheiden. Lass es mich so sagen, und das gilt für dich, für mich, für jeden: Wen jemand sehr leidenschaftlich seinen Beruf verfolgt und dann einen Menschen trifft, den er liebt, dann lassen sich die Prioriäten so setzen, dass es trotzdem funktionieren wird. In einer Beziehungsfrage zu behaupten, es passe nicht, weil die Zeit fehlt - das kann nicht sein.

Aber geht es nicht letzten Endes in Beziehungen auch um Machtproben?

Campino: Die Band bedeutet mir sehr viel, sie hat mein Leben geprägt. Und nur wegen Punkrock bin ich dort, wo ich jetzt bin. Ich wurde in meine Bahn geschubst von einem Haufen Schallplatten.

... denen man auch schlecht die Schuld an irgendetwas geben kann.

Campino: Wenn die Toten Hosen der Grund wären, dass ich es nicht geschafft habe, eine Beziehung aufrechtzuerhalten, so sind sie andererseits der Grund, dass ich in viele Beziehungen und Begegnungen reingelaufen bin, die gut waren, die ich nicht missen möchte. Ich stehe hier, jetzt. Und ich habe viele Fehler gemacht. Fehler, die ich bereue. Aber mir geht es gut, mein Schreibtisch ist aufgeräumt, und ich kann nach vorne schauen. Auch wenn ich hier und da Verluste hinnehmen musste.

Kann Dein Sohn inzwischen Fußball spielen?

Campino: Puh, jetzt kommen die harten Journalisten-Fragen. Ich registriere mit wachsender Sorge, dass er immer noch kein Ballnarr ist. Ich spiele ihn hin, er spielt ihn gelangweilt zurück. Dabei kenne ich Kinder, die noch in den Windeln den Ball durchs Schlafzimmer knallen, dass es eine wahre Freude ist. Aber: Er ist im Klettern eine Wucht.

Hat er das auch vom Vater?

Campino: Keine Ahnung. Vielleicht. Er klettert einfach los.

Mitte der 90er-Jahre hattest Du einmal ein Interview mit Angela Merkel. Was würdest Du sie heute fragen?

Campino: Wie geht es Ihrem Mann?

Warum das?

Campino: Den finde ich echt gut, wobei ich gar nicht genau weiß, wer er ist. Aber es imponiert mir, wie er sich zurücknimmt. Scheint intelligent zu sein. Es sieht so aus, dass sie niemanden neben sich installieren muss, der das Gesellschaftliche regelt. Machen die beiden echt gut.

Was denkst Du sonst über sie?

Campino: Es ist schon erstaunlich, dass sie nicht so parteisoldatisch ist wie andere. Sie erlaubt sich Gedanken, die mit der CDU normalerweise nichts zu tun haben. Sie macht es besser, als ich es ihr zugetraut hätte.

Damals, beim Interview, dachtest Du anders?

Campino: Da war ich fassungslos, dass es so jemand zur Ministerin bringt. Jetzt ist sie Kanzlerin. Nun, ich nehme an, sie hat viel gelernt. Denn mit dem Wissen, was sie damals hatte, wäre sie auf meiner Schule nicht mal im Schülerrat gut aufgehoben gewesen.

Die Toten Hosen wurden seit jeher als Sprachrohr der Unzufriedenen vereinnahmt, obwohl auch Euer neues Album wie die bisherigen nur eingeschränkt ein politisches ist. Dennoch: Fehlt Dir Rebellion in diesem Land? Keiner steht mehr auf, keiner beschwert sich.

Campino: Ich glaube, es äußert sich nur anders als früher. Das lässt sich nicht mehr vergleichen mit dem Zustand vor 25 Jahren, als wir anfingen. Damals gab es die Häme, mit der der Westen beobachtet hat, wie das kommunistische System einbricht. Und ein paar Jahre später bricht das kapitalistische System ein. Es gibt den alten Feind nicht mehr.

Aber vermisst Du manchmal nicht eine neue Bewegung. Irgendeine ...?

Campino: Nein. Tu ich nicht. Ich bringe mich heute politisch auch nicht groß ein. Früher war es eben simpler: Da war die CDU an der Macht, die fanden wir scheiße, und wir glaubten, unsere Leute würde es besser machen. Und dann kamen sie ...

Was nicht wirklich viel verändert hat?

Campino: D'accord. Die, die wir als Alternative gesehen haben, waren auch nicht die Besten. Trotzdem war die Karriere eines Joschka Fischer großartig. Und das ist sie noch. In dem haben wir uns nicht getäuscht. Was Schröder betrifft: Bei all dem, was er sich jetzt erlaubt, war seine Entscheidung, uns aus dem Irak-Krieg herauszuhalten, die beste der letzten 15 Jahre Politik. Frau Merkel hätte das nicht getan. Ich komme viel rum: Das Image der Deutschen hat sich weltweit geändert seit damals.

Entdeckst Du zunehmend konservative Seiten an Dir?

Campino: Ich habe viele, sehr viele. Liebe zum Punkrock war in den 70ern Avantgarde, heute ist sie konservativ.

Haben sich Deine Werte auch durch die Vaterschaft verändert?

Campino: Sie hat zunächst das Verhältnis zu meinen eigenen Eltern verändert. Seitdem ich Vater bin, verzeihe ich meinen Eltern ziemlich viel. Aber Kinder bringen auch einen Schuss Anarchie in dein Leben. Wenn die rufen: Papa, ich muss jetzt pissen, dann wird gepisst. Am Strand, in der Straßenbahn. Egal wo. Die machen einfach. Da werden Gesetze außer Kraft gesetzt, was dich dazu bringt, deine eigenen Regeln neu zu hinterfragen. Kinder machen dich frisch. Über meinen Sohn habe ich aufgehört, mich selbst nach Regeln des Älterwerdens zu fragen. Wie ich mich benehmen müsste und so. Das spielt alles gar keine Rolle mehr.

Du bist erst recht spät Vater geworden, hast Dich lange dieser Verantwortung entzogen.

Campino: Ich bin der komplette Bindungsphobiker, ein Wegläufer (lacht).

Gibt es eine neue Beziehung in Deinem Leben?

Campino: Ich habe eine gefunden, eine fürs Leben, seit viereinhalb Jahren. Das ist mein kleiner Bengel. Ich kann den lieben, einfach so.

Gibt es das Grab noch, das die Hosen in Düsseldorf gemeinschaftlich als letzte Ruhestätte reserviert haben?

Campino: Klar, wieso nicht? Das ist noch 25 Jahre reserviert.

Ist Dir die Band so nahe, gehörst Du da hin?

Campino: Klar, einerseits schon. Aber meine Wurzeln liegen in England. Dort gibt es so ein Feld für die Familie. Da sollte etwas von meiner Asche hin. Ich war in meinem Leben eben an tausend Fronten, da muss ja nicht die ganze Asche am Südfriedhof in Düsseldorf liegen.

Macht man sich mit 46 Jahren Gedanken über so was?

Campino: Und das ist etwas Schönes. Vieles ist scheiße am Altwerden. Zum Beispiel, wenn dich auf dem Sportplatz ein 20-Jähriger überholt. Aber ich hab inzwischen Freunde, die sind 65. Mit denen habe ich wildere Abende verbracht als mit manchen Jüngeren. Und vor allem: Sie haben dir was zu erzählen ... ~ Kai-Oliver Derks (teleschau)


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