"It must schwing"
Das Jazz-Kultlabel "Blue Note" wird 70
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"It must schwing"
Das Jazz-Kultlabel "Blue Note" wird 70
23.01.2009 Wer hätte das gedacht? "Blue Note Records", das berühmteste Jazz-Label der Welt, ist älter als der 2. Weltkrieg. Als Deutschland am 1. September 1939 seinen Angriffskrieg auf Polen begann, war der New Yorker Kleinunternehmer Alfred Lion bereits seit acht Monaten Musikproduzent. Seine ersten Aufnahmen ließ er sich von einem kommunistischen Schriftsteller finanzieren. Im Amerika der Rassentrennung verehrte Lion die afroamerikanische Kultur und schrieb in einem Communiqué zur Firmengründung vom Jazz als "Ausdruck und Kommunikation", als "musikalischer und gesellschaftlicher Offenbarung". Wie gesagt, all das geschah vor 70 Jahren, im Januar 1939. Alfred Lion, dieser überaus moderne Mensch, war übrigens Deutscher. Ein Jude aus Berlin-Schöneberg, der mit seiner kleinen Firma die Welt der Musik verändern sollte. 2009 startet "Blue Note", das seine Marke seit einem Relaunch in den Achtzigern durchaus clever zu inszenieren weiß, zahlreiche Jubiläums-Aktivitäten.
New York, Ende der Dreißiger Jahre. Im Jazz, dieser jungen und - was den Verkauf von Schallplatten betrifft - kommerziell noch ziemlich bedeutungslosen Musik, regiert immer noch der Sound aus New Orleans. Alfred Lion, der sich in Berlin als Alfred Löw in den Sound aus Amerika verliebt hatte, holt die Musiker aus den Nachtclubs New Yorks in sein Studio. Zum ersten Mal versucht einer, den Livesound des Jazz genau so auf Platte einzufangen. Der erste Hit von "Blue Note Records" ist die alte George-Gershwin-Nummer "Summertime", gespielt von Sidney Bechet, dem ersten Superstar des Saxofons.
Im Oktober 1939 kommt mit einem der letzten Schiffe, die zwischen Deutschland und Amerika verkehren, Alfred Lions Jugendfreund Frank Wolff nach New York. Der introvertierte jüdische Fotograf wird Alfreds Geschäftspartner und mit den berühmten Schwarz-Weiß-Portraits auf den Plattencovern zum Erfinder des legendären "Blue Note"-Looks. Von 1943 an betreiben Lion und Wolff ihre Plattenfirma hauptberuflich und mit Erfolg - ihr euphorisches Studiozitat "It must schwing" wurde legendär. In den Vierzigern machen Lion und Wolff ihr Geld mit erfolgreichen kleinen Swingcombos, die bei "Blue Note" besonders heiß und bluesig klingen - so wie der Saxofonist Ike Quebec.
Lion ernennt jenen schwarzen Musiker Ike Quebec sogar zu seinem A&R Manager, also seinem Chef-Talentscout. Zur damaligen Zeit eine Sensation. Eine weitere Besonderheit bei "Blue Note": Die Musiker werden nicht nur wie üblich für die Aufnahme-Sessions, sondern auch für ihre Proben bezahlt. Auch das macht sich in der Qualität von "Blue Note"-Platten bemerkbar. Ende der Vierziger empfiehlt Talentspäher Quebec Alfred Lion zwei junge Männer, Bud Powell und Thelonious Monk. Bald gelten sie als die einflussreichsten Pianisten des Modern Jazz.
"Blue Note" wird dennoch nicht zum Pionier des schnellen Bebop, den Musiker wie Charlie Parker als Gegenentwurf zu den starren Swing-Tanzorchestern in den Vierzigern entwickeln. Die goldene Ära des Labels beginnt erst 1954 mit der Erfindung von Hard Bop, einer eher entspannten Variante des Modern Jazz, die auf Blues und Gospel zurückgreift und rhythmisch extrem "funky" daherkommt. Heute weiß man: "Blue Note" brachte dem Jazz cooles Tanzen bei - Horace Silver und Art Blakey wurden mit ihrer Gruppe Jazz Messengers 1954 zum Prototyp dessen, was man in den Clubs der frühen Neunziger als Dancefloor-Jazz bezeichnete.
Der Coolness-Faktor der Musik, das ebenso ansprechende Design der Platten, ihr berühmt transparenter Klang, vor allem aber ihr groovender Rhythmus - all das war verantwortlich für die Dominanz von Blue Note im Jazz, bis weit in die Sechziger hinein: Freddie Hubbard, Herbie Hancock, Wayne Shorter, Jimmy Smith, dessen Hammondorgel eine unglaubliche Mode auslöste, John Coltranes "Blue Train" oder Kenny Burrells "Midnight Blue", sie alle prägten damals den Kultstatus und Sound von "Blue Note".
Die Krise kam, als sich Labelgründer Alfred Lion 1966 aus dem Jazzgeschäft zurückzog. Er verkaufte seine Independent-Firma an einen Unterhaltungskonzern. Stilprägendes von "Blue Note" gab es nun nur noch beim Öffnen alter Klangarchive. Anfang der Achtziger Jahre stellte Besitzer EMI die Marke "Blue Note" sogar mal für vier Jahre ein. Doch seit 1985 blüht sie wieder als - im weiteren Sinne - Jazzlabel und Kreativzelle des Konzerns.
Ein ganzes Album auf der Basis von Samples aus dem "Blue Note" Katalog, die Band US3 hatte damit 1993 gigantischen Erfolg. Ihr Welthit "Cantaloop", geboren aus dem Jazzstandard "Cantaloup Island" von Herbie Hancock, wurde zu einer Art Erkennungsmelodie jener Jahre. Eine weitere Erfolgsmarke nannte sich "Mojo Club" - Tanzschuppen, Modelabel und Samplerreihe verbargen sich dahinter, die den coolen alten Jazz von "Blue Note" in zeitgemäße Jugendkultur überführten.
Doch auch mit neuen Künstlern ist das "Blue Note"-Label in der jüngeren Vergangenheit erfolgreich: Bobby McFerrin, Cassandra Wilson oder Norah Jones. Auch den traditionellen Modern Jazz gibt man selbstredend nicht auf. So touren zu Ehren der ersten Aufnahme-Sessions im Januar 1939 aktuelle Stars des Labels unter dem Namen "The Blue Note 7" durch die Welt. Darunter Pianist Bill Charlap und Trompeter Nicholas Payton. Ihr Tribute-Album an den Brotgeber, "Mosaic: A Celebration of Blue Note", ist gerade erschienen.
Zu solch traditionellen Formen der Jubiläumspflege kommen bei "Blue Note" allerdings noch Dinge wie - Achtung - eine T-Shirt-Kollektion mit klassischen Coverdesigns sowie die offizielle Labelbiografie samt Fotoband - beides ist in Deutschland aber wohl erst im Sommer oder Herbst 2009 erhältlich. Offenbar hat man bei "Blue Note" den Spagat geschafft - den zwischen alt und neu, Jazz und Kommerz, Kultpflege und Zukunft. Ein Ende der Geschichte des bekanntesten Jazzlabels der Welt ist trotz schwerer Zeiten im Musikgeschäft derzeit nicht in Sicht. ~ Eric Leimann (teleschau)
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