Wenn Karin Dreijer Andersson, die sich hinter dem Moniker Fever Ray verbirgt, schon im ersten Song ihres Debütalbums die eigene Herzlosigkeit quasi durch die Hintertür als Tatsache darstellt, dann glaubt man das gerne. Immerhin ist sie die Stimme der schwedischen The Knife, deren kristalline Kälte immer extrem anorganisch wirkte. Als Fever Ray verfolgt sie ähnliche Ziele, mit dem Unterschied der Wege. Die sind verschlungener, weniger technoid, auf eine gewisse Art und Weise persönlicher. Spannend bleiben sie. ~ Jochen Overbeck (teleschau) aufklappen »
Songs wie "Seven" zeigen eine Hinwendung zum Perkussiven, die in ihrer Wirkung nicht zu unterschätzen ist und deren Entstehung im Unklaren ist. Man ist geneigt, die polyrhythmischen Ansätze als kluge Tanzmusik und damit Digitales zu verstehen. Bei mehrmaligem Hören merkt man aber, dass einiges tatsächlich von Congos, Bongos und Marimbas stammen könnte.
Trotz der teilweise harschen Beats bleiben die Songs meistens im langsameren Bereich: "Concrete Walls" etwa ist ein einziger, fast schon quälender Tritt auf die Bremse. Da liegen auf dem Beat ein ganz zurückgenommener Bass, weit hinten stattfindende Bläser und eine mehrfach modulierte und nach unten gepitchte Stimme, deren Urheberin wohl die Sängerin selbst ist - was beim besten Willen nicht mehr erkennbar ist. Nun war auch das etwas, das die Musik von The Knife prägte - so stark wie hier setzte sie auf diesen Effekt aber bisher selten.
Der schönste Song ist indes der, der am ehesten so etwas wie Wärme verströmt: "Keep The Streets Empty For Me" ist ein von mürrischen Streichern und geheimnisvollem Knistern getragener Schleicher, den man in einer anderen Welt Powerballade nennen würde und der das besitzt, was so vielen Songs abgeht: echte Dramatik und weniger relevant, aber erwähnenswert, eine kurze Panflötenmelodie. Wenn, wie ja gerne kolportiert wird, Landsmännin Robyn die neue Madonna ist, ist Fever Ray ein postmoderner Hybrid aus Björk und Nancy Sinatra, der sich von USB-Sticks und Tannenzapfen ernährt. Ja, manchmal sind Dinge kompliziert.