Für Freunde von nordischer Musik oder Menschen norwegischer Herkunft mag es ja das Höchste sein, für Mitteleuropäer ist es nach wie vor gewohnheitsbedürftig, wenn jemand ein schönes, klares Singer-Songwriter-Pop-Album auf Norwegisch einsingt. Andererseits kann man Kari Bremnes, die eben jene Textentscheidung auf ihrem Album "Ly" konsequent durchzieht, einige Bewunderung für ihre Entschlossenheit und Kreativität zollen. ~ Kati Hofacker (teleschau) aufklappen »
Vielleicht kann man sich das so vorstellen: Kari Bremnes, eine studierte Journalistin, die erst mit 30 Jahren, 1986, als Musikerin begann, sitzt auf den Lofoten, ihrer Heimat. Umgeben von Schnee und Eis. Sie denkt sich schöne Lyrik auf - eben auf Norwegisch - denn sie ist ja eine Frau des Wortes. Sie erinnert sich der alten Erzählungen und Weisen der Samen, der Volksmusik des hohen Nordens, der alten Sagen und des Jazz, einer ihrer Passionen. Dabei kommen Konzeptalben heraus wie "Svarta Bjørn" (Schwarze Bärin), "11 ubesvarte anrop" (11 unbeantwortete Anrufe), "Over en by" (Über einer Stadt) oder nun "Ly" (Obdach, Schutz). Lieder von Tanz und Tod, von einem Frauenschicksal auf Spitzbergen, von Wut, Liebe und Herzklopfen.
Die Aufnahmen ihrer klaren, sparsamen Singer/Songwriter-Alben mit klassisch-reduziertem Instrumentarium bereitet Kari meist sorgfältig vor und die Endprodukte sind meist von derart eisklarer, nordischer, kristallener Qualität, dass sie sich bei audiophilen Klangjunkies mit High-End-Anlagen extremer Beliebtheit erfreuen. Mit analoger Besetzung, Keyboards, Bass, Gitarren und Trommeln, vor allem aber Geige, Bratsche, Cello und Trompete (selten) verbreitet sie eine regelrecht klerikale, besinnliche Stimmung, gar Stille, dass man glaubt, die Lofoten-Eisschollen knirschen und den Wind pfeifen zu hören. Und das prasselnde Kaminfeuer, an dem man gemütlich im norwegischen Holzhäuschen sitzt.
Öfter einmal geht aber auch das Temperament mit Kari Bremnes durch, und die Band schlüpft in einen dezenten, leisen, aber doch rockig-poppigen Groove, der stark Achtziger-gefärbt wirkt ("Passelig Dose", "Levere Nåkka", "Kåpa I Milano", "Heile Mett Hjerte"), "Holde Dæ Igjen" arbeitet sogar mit karibischen Anklängen. Fans nordischer Musik kommen dennoch auf ihre Kosten. Und Mitteleuropäern bleibt nur übrig, sich an die doch recht holperigen Texte zu gewöhnen.